Emotionale Erschöpfung – 7 systemische Perspektiven, um wieder Orientierung zu finden
Emotionale Erschöpfung ist für viele Menschen kein plötzlicher Zusammenbruch, sondern ein schleichender Prozess. Oft beginnt sie leise, beinahe unauffällig: mit Müdigkeit, die sich nicht mehr wegschlafen lässt, mit innerer Distanz zu Dingen, die früher Bedeutung hatten, oder mit dem Gefühl, ständig zu funktionieren, ohne wirklich da zu sein. Emotionale Erschöpfung zeigt sich selten spektakulär, dafür umso hartnäckiger. Sie kann Menschen treffen, die leistungsfähig, verantwortungsbewusst und engagiert sind – gerade jene, die lange „durchhalten“, ohne sich selbst ernsthaft Raum zu geben.
In meiner Arbeit begegne ich emotionaler Erschöpfung nicht als persönlichem Versagen, sondern als verständlicher Reaktion auf anhaltende innere und äußere Belastungen. Viele Betroffene beschreiben einen Zustand innerer Leere, gepaart mit einem hohen Pflichtgefühl. Sie machen weiter, obwohl sie längst spüren, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Emotionale Erschöpfung ist dabei kein Zeichen von Schwäche, sondern oft ein Hinweis darauf, dass zu lange zu viel getragen wurde – innerlich wie äußerlich.
Dieser Artikel lädt dazu ein, emotionale Erschöpfung aus einer systemischen Perspektive zu betrachten. Nicht mit schnellen Lösungen oder Leistungsversprechen, sondern mit einem ruhigen, ordnenden Blick. Ziel ist es, Zusammenhänge sichtbar zu machen, erste Entlastung zu ermöglichen und Orientierung zu geben – ohne Druck, ohne Etiketten, ohne Heilversprechen.
Inhaltsverzeichnis
- Emotionale Erschöpfung verstehen: Wenn das Innere leise wird
- Sieben systemische Perspektiven auf emotionale Erschöpfung
- Beziehungen, Rollen und innere Dynamiken bei emotionaler Erschöpfung
- Wege zurück zu mehr innerer Beweglichkeit
- Emotionale Erschöpfung im Alltag: Wenn alles läuft – nur innen nicht mehr
- Anonyme Praxissituation: Wenn emotionale Erschöpfung leise den Raum füllt
- FAQ: Häufige Fragen zur emotionalen Erschöpfung
1. Emotionale Erschöpfung verstehen: Wenn das Innere leise wird
Emotionale Erschöpfung fühlt sich für viele Menschen paradox an. Nach außen scheint alles zu funktionieren: Alltag, Beruf, Familie, Beziehungen. Und doch fehlt innerlich etwas Entscheidendes – oft beschrieben als Lebendigkeit, Resonanz oder Verbundenheit mit sich selbst. Emotionale Erschöpfung ist dabei nicht einfach nur Müdigkeit. Sie betrifft die emotionale Ebene: das Erleben von Freude, Interesse, Nähe und Sinn.
In systemischer Perspektive lohnt es sich, emotionale Erschöpfung nicht isoliert zu betrachten, sondern eingebettet in Lebenskontexte. Häufig zeigt sich, dass Menschen über längere Zeiträume Erwartungen erfüllen – eigene und fremde – ohne diese noch zu hinterfragen. Rollen werden übernommen und ausgefüllt, manchmal über Jahre hinweg: die Starke, der Verlässliche, die Kümmernde, der Problemlöser. Emotionale Erschöpfung entsteht dann nicht plötzlich, sondern als logische Folge eines Systems, das wenig Raum für Regeneration lässt.
Ein weiterer Aspekt ist die fehlende Sprache für das, was innerlich geschieht. Viele Betroffene können sehr genau benennen, was sie tun – aber kaum, was sie fühlen. Emotionale Erschöpfung zeigt sich dann als diffuse Leere oder als innere Distanz, die schwer greifbar ist. Gerade in Beziehungen kann das zu Missverständnissen führen, etwa wenn Nähe schwerfällt oder Rückzug als Desinteresse gedeutet wird. In solchen Situationen kann auch Paartherapie Nürnberg oder Paarberatung Nürnberg eine hilfreiche Orientierung bieten.
Wichtig ist: Emotionale Erschöpfung ist kein Defekt, den es zu „reparieren“ gilt. Sie ist vielmehr ein Signal. Ein Hinweis darauf, dass etwas Wesentliches zu kurz gekommen ist – oft über lange Zeit. Dieses Signal ernst zu nehmen, ist bereits ein erster Schritt in Richtung Entlastung.
Emotionale Erschöpfung wird häufig von innerer Härte begleitet. Manche Menschen kritisieren sich dafür, dass sie „nicht dankbar genug“ seien oder „sich nicht so anstellen“ sollten. Doch genau diese innere Abwertung hält die Spirale am Laufen. Systemisch betrachtet ist es oft hilfreich, den Fokus zunächst nicht auf Veränderung zu richten, sondern auf Anerkennung: Ja, da ist etwas, das Kraft kostet. Ja, da ist etwas, das schon länger trägt. Und ja: Es ist verständlich, dass irgendwann weniger übrig bleibt.
Wenn Sie sich in diesen Zeilen wiederfinden, muss daraus noch keine Entscheidung folgen. Kein „Jetzt muss ich sofort etwas ändern“. Oft ist es zunächst genug, dem eigenen Erleben eine Art Erlaubnis zu geben: Das hier ist real. Und ich darf hinschauen.
2. Sieben systemische Perspektiven auf emotionale Erschöpfung
Um emotionale Erschöpfung besser einordnen zu können, hilft ein strukturierter Blick. Die folgenden sieben systemischen Perspektiven sind keine Diagnose-Checkliste, sondern Orientierungspunkte. Sie machen sichtbar, an welchen Stellen emotionale Erschöpfung häufig entsteht – und warum sie so verständlich ist.
1. Dauerhafte Überverantwortung
Viele erschöpfte Menschen tragen Verantwortung für andere – emotional, organisatorisch oder gedanklich. Sie fühlen sich zuständig, auch dort, wo Grenzen fehlen. Emotionale Erschöpfung entsteht hier aus einem Ungleichgewicht zwischen Geben und Erholen. Oft ist das „Geben“ so selbstverständlich geworden, dass Erholung sich beinahe wie Egoismus anfühlt. In systemischer Arbeit wird dieser innere Konflikt häufig sichtbar: Das Bedürfnis nach Pause trifft auf das Selbstbild, stark und verlässlich sein zu müssen.
2. Unklare Rollen in Beziehungen
Wenn Rollen diffus werden – etwa zwischen Partnerschaft, Elternschaft und Beruf – kann emotionale Erschöpfung entstehen. Nähe und Distanz geraten aus dem Gleichgewicht, wie auch im Kontext von Nähe und Distanz in Beziehungen beschrieben. Häufig wird nicht mehr klar unterschieden: Wer bin ich gerade – und was brauche ich in dieser Rolle? Das führt zu einem inneren Dauerzustand von „Ich muss allem gerecht werden“.
3. Innere Antreiber und Loyalitäten
Systemisch betrachtet wirken oft innere Loyalitäten: gegenüber Herkunftsfamilie, übernommenen Werten oder unausgesprochenen Erwartungen. Emotionale Erschöpfung kann entstehen, wenn Menschen „treu bleiben“, obwohl es sie Kraft kostet. Typische Sätze sind: „So macht man das eben“ oder „Ich kann das nicht einfach liegen lassen“. Hinter solchen Sätzen steckt oft eine tiefe Bindung an ein Wertesystem, das früher Halt gegeben hat – heute aber zur Last werden kann.
4. Fehlende emotionale Resonanz
Emotionale Erschöpfung zeigt sich häufig dort, wo wenig Rückmeldung auf das eigene Erleben kommt. Das kann im Beruf, aber auch in Beziehungen der Fall sein. Das Gefühl, nicht wirklich gesehen zu werden, wirkt langfristig zermürbend. Resonanz bedeutet nicht ständiges Lob, sondern spürbare Verbindung: jemand nimmt wahr, was in mir vorgeht. Fehlt diese Verbindung, entsteht innere Isolation – selbst mitten im Alltag.
5. Dauerstress ohne Abschluss
Nicht jeder Stress ist problematisch. Belastend wird er, wenn Erholungsphasen fehlen. Emotionale Erschöpfung entsteht dann, wenn Anspannung chronisch wird und kein innerer Abschluss mehr möglich ist – ein Thema, das auch im Kontext von Psychische Belastung relevant ist. Viele Menschen erleben eine Art „offene Tabs“ im Kopf: Aufgaben, Sorgen, Verantwortung – alles bleibt gleichzeitig aktiv.
6. Reduzierter Selbstwert im Funktionieren
Viele Menschen definieren ihren Wert über Leistung oder Verlässlichkeit. Emotionale Erschöpfung tritt dann auf, wenn das eigene Sein kaum noch Platz hat. Hier kann auch der Blick auf Selbstwert stärken hilfreich sein. Systemisch gefragt: Was passiert innerlich, wenn ich nicht leiste? Welche Angst taucht auf? Welche Erfahrung steckt dahinter? Oft wird sichtbar, dass Leistung einst Sicherheit war – und heute zur Falle wird.
7. Fehlende Zukunftsbilder
Emotionale Erschöpfung wird oft begleitet von dem Gefühl, innerlich „festzustecken“. Wenn keine stimmigen Zukunftsbilder mehr vorhanden sind, verliert das Handeln an Sinn. Dann werden Tage „abgearbeitet“, aber nicht erlebt. Systemisch ist das ein wichtiger Hinweis: Nicht nur Belastung fehlt, sondern auch Orientierung in Richtung eines sinnvollen „Wofür“.
Nach dieser Einordnung darf ein fachlicher Rahmen entstehen – nicht, um zu bewerten, sondern um Orientierung zu geben: Emotionale Erschöpfung ist häufig ein Zusammenspiel aus Kontext, Beziehung und inneren Mustern. Genau dort setzt systemisches Arbeiten an: Es macht Dynamiken sichtbar, erweitert Perspektiven und schafft wieder Wahlmöglichkeiten.
Was passiert im Erstgespräch?
Im Erstgespräch geht es nicht um schnelle Lösungen, sondern um Orientierung. Sie dürfen ankommen, sortieren und gemeinsam mit mir klären, was Sie gerade belastet – und was Sie sich stattdessen wünschen.
- Wir ordnen Ihre aktuelle Situation und die wichtigsten Stress- und Beziehungskontexte.
- Wir klären, was Ihnen im Moment am meisten Energie zieht – und was entlasten könnte.
- Sie erhalten erste systemische Impulse, die ohne Druck alltagstauglich bleiben.
- Wenn Sie möchten, besprechen wir gemeinsam einen passenden nächsten Schritt.
3. Beziehungen, Rollen und innere Dynamiken bei emotionaler Erschöpfung
Emotionale Erschöpfung entfaltet ihre Wirkung selten im luftleeren Raum. Besonders deutlich wird sie in Beziehungen – partnerschaftlich, familiär oder beruflich. Viele Betroffene berichten, dass sie sich zwar weiterhin kümmern, zuhören und präsent sind, innerlich jedoch immer weniger spüren. Dieses Auseinanderdriften von äußerem Verhalten und innerem Erleben ist ein zentrales Merkmal emotionaler Erschöpfung.
In Partnerschaften kann emotionale Erschöpfung dazu führen, dass Nähe als anstrengend erlebt wird. Gespräche werden kürzer, Rückzug häufiger. Nicht selten entsteht ein Kreislauf: Der eine zieht sich erschöpft zurück, der andere versucht gegenzusteuern – was wiederum Druck erzeugt. Angebote wie Eheberatung Nürnberg oder Systemische Paartherapie können hier helfen, diese Dynamiken sichtbar zu machen, ohne Schuld zuzuschreiben.
Manchmal zeigt sich emotionale Erschöpfung auch in Konflikten, die auf den ersten Blick „klein“ wirken: Wer räumt was weg, wer denkt an Termine, wer organisiert den Alltag. Hinter solchen Konflikten steckt oft eine tiefere Botschaft: „Ich kann nicht mehr tragen.“ Wenn dieser Satz keinen Raum bekommt, wird er in Form von Gereiztheit, Rückzug oder Resignation hörbar. Systemisch betrachtet ist das kein Charakterproblem, sondern Kommunikation im Schutzmodus.
Auch berufliche Kontexte spielen eine Rolle. Emotionale Erschöpfung entsteht häufig dort, wo hohe Anforderungen auf wenig Gestaltungsspielraum treffen. Besonders in helfenden oder verantwortungsvollen Berufen zeigt sich dieses Muster. Systemische Beratung Nürnberg setzt genau hier an, indem sie nicht nur die Person, sondern das gesamte Umfeld mit einbezieht.
Ein wichtiger Aspekt ist die Frage nach eigenen Grenzen. Emotionale Erschöpfung geht oft mit dem Gefühl einher, keinen Zugang mehr zu den eigenen Bedürfnissen zu haben. Was tut mir gut? Was überfordert mich? Diese Fragen bleiben unbeantwortet, weil der innere Kontakt geschwächt ist. Hier kann auch ein Format wie Walk and Talk neue Zugänge eröffnen, indem Bewegung und Gespräch miteinander verbunden werden. Für manche Menschen entsteht in Bewegung leichter Sprache für das, was innen feststeckt.
Emotionale Erschöpfung ist damit kein individuelles Problem, sondern ein relationales Geschehen. Sie zeigt, wo Systeme aus dem Gleichgewicht geraten sind – und wo behutsame Neuordnung möglich wäre. Oft reicht schon eine kleine Verschiebung: mehr Klarheit über Rollen, mehr Transparenz über Belastung, mehr Erlaubnis, nicht immer stark sein zu müssen.
4. Wege zurück zu mehr innerer Beweglichkeit
Der Blick nach vorn meint hier keine schnellen Lösungen, sondern Orientierung. Emotionale Erschöpfung lässt sich nicht „wegmachen“. Sie braucht Zeit, Raum und oft ein Gegenüber, das zuhört, ohne zu drängen.
In der systemischen Arbeit geht es darum, Zusammenhänge zu verstehen und neue Perspektiven zu ermöglichen. Das kann bedeuten, Muster zu erkennen: Wo sage ich „Ja“, obwohl ich „Nein“ meine? Wo trage ich Verantwortung, die eigentlich geteilt werden müsste? Wo halte ich Loyalitäten aufrecht, die mich Kraft kosten? Emotionale Erschöpfung wird in diesem Prozess häufig zu einem Wegweiser: Sie zeigt, wo der Preis zu hoch geworden ist.
Ein wichtiger Schritt ist das Wiederfinden von innerer Differenzierung. Viele erschöpfte Menschen erleben nur noch zwei Zustände: funktionieren oder zusammenbrechen. Systemisch kann man dazwischen neue Zwischenräume schaffen: Pausen, Grenzen, kleine Entscheidungen, die den Alltag wieder gestaltbar machen. Gerade „kleine“ Schritte sind oft nachhaltig, weil sie nicht noch mehr Druck erzeugen.
Wenn Sie möchten, kann auch Systemische Online Beratung ein ruhiger Rahmen sein, um diese Orientierung zu entwickeln – ortsunabhängig und mit klarer Struktur. Für manche Menschen ist es leichter, mit einem inneren Thema zu beginnen, wenn der Weg dorthin niedrigschwellig ist.
Zum fachlichen Hintergrund des Begriffs findet sich eine grundlegende Einordnung auch bei Emotionale Erschöpfung. Entscheidend ist dabei weniger die Begrifflichkeit, sondern die Frage: Was will Ihr inneres System Ihnen gerade zeigen?
5. Emotionale Erschöpfung im Alltag: Wenn alles läuft – nur innen nicht mehr
Emotionale Erschöpfung zeigt sich im Alltag oft unspektakulär. Genau das macht sie so schwer greifbar. Viele Betroffene funktionieren weiter, erledigen ihre Aufgaben, halten Termine ein, sind verlässlich – und merken gleichzeitig, dass sie innerlich immer weniger beteiligt sind. Freude fühlt sich gedämpft an, Entscheidungen werden anstrengend, selbst Erholungsphasen bringen keine echte Regeneration. Emotionale Erschöpfung wird dann nicht als klares „Problem“ erkannt, sondern als diffuser Zustand, der sich durch den Tag zieht.
Auffällig ist, dass emotionale Erschöpfung häufig mit einem hohen Pflichtbewusstsein einhergeht. Menschen, die stark erschöpft sind, stellen ihre eigenen Bedürfnisse oft hinten an. Sie sind es gewohnt, Verantwortung zu tragen, Erwartungen zu erfüllen und „durchzuhalten“. Gerade weil sie leistungsfähig wirken, bleibt ihre innere Erschöpfung lange unsichtbar – für andere und für sie selbst. Erst wenn Konzentration nachlässt, Reizbarkeit zunimmt oder Rückzug häufiger wird, entsteht das Gefühl: So wie bisher geht es nicht mehr.
Im systemischen Verständnis lohnt sich hier ein genauer Blick auf Alltagsstrukturen. Wie dicht ist der Tag getaktet? Wo gibt es Übergänge – und wo nicht? Emotionale Erschöpfung entsteht oft dort, wo Rollenwechsel ohne Pause stattfinden: morgens Elternteil, tagsüber berufliche Verantwortung, abends Partnerin oder Partner. Wenn zwischen diesen Rollen kein innerer Wechsel mehr möglich ist, bleibt das Nervensystem dauerhaft aktiviert. Emotionale Erschöpfung ist dann weniger ein persönliches Thema als eine logische Folge chronischer Überforderung.
Ein weiterer Punkt ist die Entkopplung von innerem Erleben und äußerem Handeln. Viele Betroffene sagen: „Ich weiß, dass ich eigentlich etwas ändern müsste – aber ich spüre nicht, was.“ Emotionale Erschöpfung dämpft den Zugang zu Bedürfnissen. Entscheidungen werden entweder aufgeschoben oder rein rational getroffen, ohne innere Beteiligung. Das verstärkt das Gefühl von Leere und Fremdbestimmung.
Oft kommt noch etwas hinzu, das selten ausgesprochen wird: Scham. Scham darüber, dass man „doch eigentlich alles hat“ und trotzdem nicht glücklich ist. Scham darüber, dass man sich abends nicht mehr auf Gespräche freut, dass man am Wochenende am liebsten allein wäre, oder dass selbst schöne Dinge nur noch wie eine Aufgabe wirken. Emotionale Erschöpfung wird dadurch nicht leichter, sondern schwerer, weil sie in einen inneren Kampf mündet: „Ich darf mich nicht so fühlen.“ Systemisch betrachtet ist dieser Kampf häufig der größte Energiefresser. Nicht die Erschöpfung an sich, sondern der Widerstand dagegen.
Hilfreich ist deshalb manchmal ein Perspektivwechsel: Nicht „Wie werde ich diese emotionale Erschöpfung los?“, sondern „Was versucht sie mir zu zeigen?“ Für viele Menschen ist emotionale Erschöpfung ein Schutzsignal. Ein inneres Stoppschild, bevor noch mehr über die eigenen Grenzen gegangen wird. Das kann bedeuten, dass etwas im Alltag nicht mehr stimmig ist: Arbeitsmenge, Beziehungsmuster, innere Antreiber, fehlende Erholungsräume oder die Art, wie man mit sich selbst spricht.
Und es gibt noch einen stillen Mechanismus: Viele erschöpfte Menschen sind lange Zeit sehr gut darin, andere zu spüren – und sehr schlecht darin, sich selbst zu spüren. Sie merken sofort, wenn jemand enttäuscht ist, gestresst oder unsicher. Doch die eigenen Signale werden überhört. Emotionale Erschöpfung ist dann wie ein lauter werdendes Alarmsystem, das irgendwann nicht mehr ignoriert werden kann. Man kann das als Störung erleben – oder als Einladung, wieder Kontakt aufzunehmen.
Emotionale Erschöpfung muss nicht erst „schlimm genug“ werden, um ernst genommen zu werden. Sie ist ein Hinweis darauf, dass innere und äußere Anforderungen nicht mehr zusammenpassen. Allein das bewusste Wahrnehmen dieses Zustands kann bereits Entlastung bringen – weil es die Selbstverurteilung stoppt. Nicht „Ich bin falsch“, sondern: „Etwas passt gerade nicht mehr gut zusammen.“ Und das darf man sehen, bevor man es lösen muss.
6. Anonyme Praxissituation: Wenn emotionale Erschöpfung leise den Raum füllt
Eine anonymisierte Praxissituation: Eine Klientin Mitte 40 kommt mit der Aussage: „Eigentlich habe ich keinen konkreten Grund hier zu sein. Es läuft alles.“ Beruflich stabil, Familie organisiert, keine akute Krise. Und trotzdem fühlt sich alles schwer an. Emotionale Erschöpfung ist kein Wort, das sie zu Beginn benutzt. Stattdessen beschreibt sie innere Müdigkeit, Entscheidungsunlust und das Gefühl, ständig „auf Abstand“ zu sein – auch zu sich selbst.
Im Gespräch wird deutlich, dass sie seit vielen Jahren sehr zuverlässig funktioniert. Sie übernimmt Verantwortung, gleicht aus, vermittelt. Konflikte vermeidet sie, indem sie früh reagiert, sich anpasst oder Aufgaben selbst übernimmt. Was ihr fehlt, ist nicht Einsicht, sondern Resonanz. Auf die Frage, wann sie zuletzt etwas nur für sich getan hat, entsteht lange Stille. Emotionale Erschöpfung zeigt sich hier nicht als Zusammenbruch, sondern als langsames Verschwinden der eigenen inneren Stimme.
Im weiteren Verlauf wird sichtbar, dass sie gelernt hat, Bedürfnisse früh zurückzustellen. Nicht aus Zwang, sondern aus Loyalität. Gegenüber der Herkunftsfamilie, gegenüber Kolleginnen und Kollegen, gegenüber der eigenen Rolle als verlässliche Person. Sie beschreibt, dass sie „keine Umstände machen“ will – und merkt zugleich, dass sie innerlich längst dauerhaft Umstände hat: Schlaf wird leichter, Geduld kürzer, Freude seltener. Emotionale Erschöpfung ist in diesem Fall keine Reaktion auf eine einzelne Überforderung, sondern auf ein über Jahre stabiles Muster.
Ein entscheidender Moment entsteht, als sie sagt: „Wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht mehr, was ich will.“ Dieser Satz ist typisch. Emotionale Erschöpfung nimmt oft zuerst den Zugang zu Wünschen. Nicht, weil Menschen nichts mehr wünschen, sondern weil das Wünschen irgendwann zu riskant wurde: Es könnte enttäuschen, es könnte Konflikte auslösen, es könnte andere belasten. Viele Betroffene entwickeln dann eine Art inneres Minimalprogramm: weniger fühlen, weniger brauchen, weniger auffallen. Kurzfristig schützt das. Langfristig führt es in emotionale Erschöpfung.
Entlastend wirkt in der Arbeit vor allem das Verstehen. Nicht im Sinne einer Analyse, die sie „richtig“ machen muss, sondern als inneres Sortieren: Was gehört wirklich zu mir – und was habe ich übernommen? Welche Erwartungen sind aktuell wirksam, obwohl sie längst nicht mehr ausgesprochen werden? Wo trage ich Verantwortung, die ich nie bewusst gewählt habe? Emotionale Erschöpfung verliert in diesem Prozess ihren bedrohlichen Charakter. Sie wird zu einem verständlichen Teil der eigenen Geschichte.
Im nächsten Schritt geht es um Grenzen – nicht als harte Mauern, sondern als neue Klarheit. Wir arbeiten mit sehr kleinen, alltagstauglichen Veränderungen: eine Pause, die nicht „verdient“ werden muss. Ein Nein, das nicht erklärt wird. Ein Gespräch, das nicht sofort gelöst werden muss. Ein Moment, in dem sie spürt: Ich muss nicht ständig für Harmonie sorgen. Gerade bei emotionaler Erschöpfung sind solche Mikroverschiebungen oft wirksamer als große Lebensentscheidungen, weil sie den inneren Druck senken.
Im Verlauf der Gespräche beschreibt sie, dass sich etwas verändert: Nicht plötzlich, nicht spektakulär, aber spürbar. Sie kann wieder leichter wahrnehmen, wann sie über ihre Grenzen geht. Sie merkt früher, wenn sie sich innerlich zurückzieht. Und sie beginnt, sich selbst nicht mehr nur als „die Funktionierende“ zu sehen, sondern als Mensch mit Bedürfnissen, der nicht erst zusammenbrechen muss, um berechtigt zu sein.
Diese Art von Prozess ist typisch für viele Praxissituationen. Emotionale Erschöpfung braucht keinen dramatischen Anlass. Sie braucht Aufmerksamkeit, Zeit und einen Rahmen, in dem nichts „gelöst“ werden muss – sondern erst einmal verstanden werden darf. Und manchmal ist genau das der Beginn von neuer Lebendigkeit: nicht durch Druck, sondern durch Erlaubnis.


